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Johanna Weber (BesD): “Ja, es ist dramatisch. Die Bordelle, Massagesalons, Terminwohnungen usw. sind geschlossen. So sind die Sexarbeitenden gezwungen, sich andere Arbeitsfelder zu suchen. Es gibt auch Bundesländer, in denen die eigenständige Sexarbeit als Solo-Selbstständige weiterhin erlaubt ist. Dort findet nun eine Verlagerung statt. Grundsätzlich ist es nicht pauschal gefährlicher, Haus- und Hotel-Besuche zu machen. Im Moment gibt es jedoch wesentlich weniger Kundenanfragen, was dazu führt, dass Sexarbeitende auch Kunden annehmen, die sie sonst abgelehnt hätten.”
Sandra Kamitz (Bufas): “Im Moment ist ja Prostitution komplett untersagt, und alle Arbeitsorte sind offiziell geschlossen. Dies bedeutet, dass jede Person, die derzeit sexuelle Dienstleistungen anbietet, illegal arbeitet und damit eine Ordnungswidrigkeit begeht. Sexarbeit ist momentan eine kriminelle Handlung.”
Was bedeutet der Lockdown persönlich für die Sexarbeiter?
Sandra Kamitz (Bufas): “Existenzielle Ängste, Angst vor jeglicher Form von Gewalt. Dazu gehören auch staatliche Kontrollen und Bußgelder, schlussendlich auch eine Ausweisung auch für EU-BürgerInnen.”
Was tut Ihre Organisation, um den Sexarbeitern zu helfen?
Johanna Weber (BesD): “Wir haben im ersten Lockdown 2020 einen Nothilfe-Fonds für Sexarbeitende gegründet. Für diesen haben wir großzügige Spenden erhalten. Vielen Dank dafür. Wir haben allerdings nicht damit gerechnet, dass die Not so groß ist. Es sind schon über 150.000 Euro ausgezahlt worden. Der Topf ist leer.”
Sandra Kamitz (Bufas): “Der Bufas e.V. ist ein bundesweites Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. Unsere Mitgliedsorganisationen und -einrichtungen beraten alle Unterstützungssuchenden auch im Lockdown unter den vorgeschriebenen Bedingungen weiter. Zusätzlich veröffentlichen wir gemeinsam mit anderen Organisationen Stellungsnahmen und Pressemitteilungen, um auf die Situation der SexarbeiterInnen aufmerksam zu machen.
Des Weiteren versuchen wir, den von 16 Bundestagsabgeordneten erhobenen Forderungen zum Sexkaufverbot medial mit Argumenten entgegenzutreten. Gerade durch das derzeitige Arbeitsverbot bekommen alle Beratungsstellen mit, was es bedeutet, wenn SexarbeiterInnen kriminalisiert werden.”
Sie haben die politische Debatte über ein Verbot von Sexarbeit und eine Kriminalisierung der “Freier” angesprochen. Befeuert der Lockdown eine solche Debatte, indem er zum Beispiel zeigt, die Gesellschaft funktioniert auch ohne Prostitution?
Sandra Kamitz (Bufas): “Das ist ja ein totaler Widerspruch, denn es findet Sexarbeit statt, selbst in Schweden, wo die Freier-Bestrafung bereits seit 2000 gilt. Sie findet eben – wie jetzt auch während Corona – trotzdem statt. Nur eben arbeiten SexarbeiterInnen total prekär. Zudem wird im regulierten Sexkaufverbot wie in Schweden, Nordirland, Frankreich usw. nicht nur der Kunde/Freier kriminalisiert, sondern werden auch die SexarbeiterInnen stigmatisiert. Die Politik und die gesetzlichen Regelungen machen es unmöglich, ohne selbst kriminalisiert und stigmatisiert zu werden, in der Sexarbeit tätig zu sein. Staatliche Angebote in Schweden beschränken sich zudem nur auf Ausstiegsberatungen. Es gibt aber genug SexarbeiterInnen, die sich dafür entschieden haben, diese Tätigkeit auszuüben.”
Johanna Weber (BesD): “Wir sehen es eher andersherum. Der Lockdown zeigt sehr deutlich, dass ein Verbot zu sehr viel illegaler Prostitution führt und sich die Not und Gewalt vergrößern. Dies ist auch in der Politik angekommen. Es gibt nun ein Modellprojekt des Familienministeriums zum Umstieg von Sexarbeit in andere Tätigkeiten. Auch sprechen sich immer mehr PolitkernInnen gegen das Sexkaufverbot aus und für branchenangepaßte Regulierungen.”
Sandra Kamitz (Bufas): “Funktioniert eine Gesellschaft auch ohne Kneipen, Bars, Spielhallen, Reitturnieren etc. – alles Orte, in denen man möglicherweise süchtig werden kann? Radikal könnte auch die Ehe und Familie verboten werden, da hier sexualisierte Gewalt am häufigsten passiert. Angemessener wäre eine Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen in der Gesamtgesellschaft. Insbesondere Frauen und deren Körper sollten in keiner Gesellschaft abgewertet werden. Dies wird nicht mit einem Verbot von sexueller Dienstleistung bzw. der Bestrafung der Sexkäufer gelingen, wenn es in anderen Bereichen nicht zuerst gelingt.”
Wenn Ihre Organisation die Möglichkeit hätte, die Bundesregierung vor der nächsten Lockdown-Verlängerung zu beraten. Welche Forderungen würden Sie stellen?
Johanna Weber (BesD): “Wir sind ein Berufsverband für Sexarbeitende. Und genau dort sind unsere Kompetenzen, nicht in Corona-Maßnahmen. Wichtig ist uns jedoch, dass unsere Branche bei den Öffnungen nicht vergessen werden darf. So war es nach dem letzten Lockdown, und wir mussten uns in fast jedem Bundesland gerichtlich die Wiederaufnahme der Arbeit erstreiten. Und das, obwohl fast überall schon Kontaktsportarten und Tangotanzen wieder erlaubt waren.”
Sandra Kamitz (Bufas): “Sobald körpernahe Dienstleistungen, Sport und Chöre wieder erlaubt sind, sollte auch Sexarbeit wieder möglich sein, da es sich nicht davon unterscheidet. Zudem fordern wir auch ein Ende der Stigmatisierung von SexarbeiterInnen, insbesondere als Krankheitsüberträger. Hier werden alte Vorurteile genutzt, um moralisch ein unrealistisches Bild von Prostitution zu reproduzieren. Als Beratungsstellenbündnis haben wir die Erfahrungen gemacht, dass für SexarbeiterInnen gesundheitliche Bildung zur Professionalisierung und zum Alltag ihres Jobs gehört. Dies gilt bei Weitem weniger für einen Großteil der Menschen, die nicht in der Sexarbeit tätig sind.”
Mehr zum Thema – Corona und “Sexkaufverbot”: Prostituierten droht Existenzverlust (Video)
Anmerkungen:
Der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen ist nach eigener Darstellung ein Verband von “Menschen, die in verschiedensten Bereichen der Sexarbeit tätig sind oder waren”: “Wir setzen uns aktiv für die Rechte von Menschen in der Sexarbeit ein und kämpfen gegen die Diskriminierung und Stigmatisierung unserer Berufes”.
Das Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter setzt sich nach eigener Darstellung ein für “die dauerhafte Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern”, “die Gleichstellung der Sexarbeit mit anderen Erwerbstätigkeiten” und “die Entkriminalisierung der Sexarbeit und Entstigmatisierung der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter”.
*) Wir verwenden ab hier in dem Beitrag ausnahmsweise durchgängig das sogenannte “Binnen-I” in der originalen Diktion der Interviewpartnerinnen, also den Großbuchstaben “I” innerhalb von Worten als Mittel der geschlechtergerechten Schreibweise im Sinne der sprachlichen Gleichbehandlung von Frauen und Männern.